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Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

Mit dem Blick der Hebamme - ein Beitrag aus dem Hebammenforum mit Podcast

Die Etablierung eines Hebammenkreissaals beeinflusst die Perspektive auf die Geburt im gesamten Team einer geburtshilflichen Abteilung. Das Konzept der interventionsarmen Geburtsbegleitung kommt auch den Frauen im ärztlichen Setting zugute.

 

Ein Beitrag aus dem Hebammenforum 1/2022 von Andrea Ramsell, Beirätin für den Angestelltenbereich im DHV.

Vorteile für die Hebammen

Sowohl Hebammen als auch das gesamte geburtshilfliche Team profitieren vielfaltig von der Einführung des Hebammenkreissaals (HKS). In der Implementierungsphase sind regelhaft Pflichtfortbildungen für das gesamte geburtshilfliche Team vorgesehen, beispielsweise zum Expertinnen*standard physiologische

Geburt, zu Nahttechniken, zu alternativen Gebärhaltungen und zur Kommunikation in der Beratung. Dies erweitert die individuellen Fähigkeiten jeder Hebamme und kommt gleichzeitig dem ganzen Team und jeder Geburtsbetreuung zugute, ob im HKS oder im ärztlich geleiteten Kreißsaal. Die Einrichtung eines HKS regt die Kommunikation im Team an.

Zwei Hebammen zur Geburt

Dadurch, dass die Geburt zumindest in der aktiven Phase von zwei Hebammen begleitet wird, lernt man im Team voneinander. Dies ist für einige Kolleginnen* erst mal eine Schwelle, die es zu überwinden gilt. Wir sind es gewohnt, allein oder mit ärztlicher Unterstützung zu arbeiten. Der kollegiale

Austausch und die enge Zusammenarbeit mit unseren Kolleginnen* ist häufig ungewohnt. Hebammen, die im HKS arbeiten, berichten, dass sie die enge Zusammenarbeit mit den Kolleginnen* sehr schätzen und als bereichernd empfinden.

Im Rahmen dieser neuen Art der Zusammenarbeit werden Kommunikations- und Feedback-Regeln aufgestellt, die eine vertiefende Reflexion der betreuten Geburten und der Falle insgesamt (Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett) ermöglichen. Die dadurch eingeleitete strukturierte Kommunikation über Betreuungsansätze und Therapien intensiviert den Austausch im gesamten Team, erhöht die Sicherheit und tragt letztendlich zu einer hohen Qualität bei. Die Kommunikation zwischen Arztinnen*, Hebammen und anderen Professionen wird durch die Auswahl der Gebärenden, durch Konsile und Überleitungssituationen intensiviert. Dafür sorgt auch der Kriterienkatalog des HKS, der regelmäßig gemeinsam geprüft und überarbeitet werden muss. Schließlich profitieren alle Mitarbeitenden von der Umsetzung des Konzepts, dem damit verbundenen erweiterten geburtshilflichen Wissen und der neuen Art der Kommunikation.

Personalberechnung im HKS

Es gibt in Deutschland keinen festgelegten Personalschlüssel für Kreißsäle und kein ausreichend entwickeltes Personalbemessungsinstrument. Alle bisherigen Versuche, die nötige Betreuungszeit pro Geburt zu berechnen, scheiterten daran, dass in jeder Klinik neben der eigentlichen Betreuung der Frau während der Geburt zusätzliche Aufgaben erledigt werden. Die Personalberechnung für den HKS muss klinikindividuell erfolgen und kann nicht standardisiert werden. In der Praxis wird häufig eine Rufbereitschaft für den HKS eingerichtet.

Wie für die Personalbemessung im gesamten Kreißsaal müssen auch für den HKS neue Bemessungsgrundlagen und Instrumente gefunden werden, um eine gute Personalausstattung zu gewährleisten. Diese sollte nicht auf Kosten der Gesundheit der Hebammen und auch nicht auf Kosten der Versorgungsqualität und zulasten der zu betreuenden Frauen und Kinder gehen.

Der HKS als Ausbildungskreissaal

Der HKS bietet einen guten Lernort für die Hebammenausbildung. Durch seinen Fokus auf die Physiologie der Geburtsvorgange und die originäre Hebammentätigkeit kann die Auszubildende* alle Aspekte und Phasen der Geburt sowie die alleinige Betreuung durch die Hebamme kennenlernen. Im HKS nimmt die Auszubildende* in der Regel keinen aktiven Part ein und übernimmt keine Arbeitsaufgaben. Durch diese passive Rolle hat sie die Möglichkeit, am Vorbild der ausgebildeten Hebamme durch Beobachtung zu lernen und anschließend die Begleitung und Methodik zu reflektieren. Der HKS eignet sich auch als Ausbildungsstatte für Gynäkologinnen* und Neonatologinnen*, um primär physiologische Geburtsabläufe kennenzulernen. Gerade die beiden letztgenannten Berufsgruppen haben häufig das Problem, Geburt als mit pathologischen Zwischenfallen behafteten Prozess zu erleben. Diese Erfahrung kann durch eine intensive Kenntnis physiologischer Geburtsablaufe relativiert werden.

Forschung im HKS

Die hebammengeleitete Geburt in der Klinik ist in Deutschland intensiv beforscht worden und zeigt in diesen Studien sehr gute Ergebnisse im Outcome von Mutter und Kind und in der Zufriedenheit der betreuten Frauen (siehe beispielsweise die GEscHIcK-Studie NRW).1

Die Hebammenforschung wird durch die Akademisierung in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Der HKS eignet sich sehr gut dazu, Studien durchzufuhren und unterschiedliche klinische Settings aus Hebammenperspektive wissenschaftlich zu untersuchen. Wir benötigen dringend nationale Studien, die die Hebammenarbeit starker in den Fokus nehmen und eine Hebammenperspektive einnehmen, um unsere professionelle Identität in der Klinik zu scharfen. Als wichtiger Forschungsort zu Fragen der physiologischen Geburt ist der HKS nicht wegzudenken.

HKS – von der Frau aus gedacht

Der HKS ist ein Betreuungsangebot, das die Wahlfreiheit der Gebarenden erweitert. Die Zufriedenheit und die Akzeptanz der Frauen ist enorm hoch, selbst wenn während der Geburt eine Überleitung in den ärztlich geleiteten Kreißsaal erfolgt. Wenn wir das Recht auf freie Wahl des Geburtsorts und die Zufriedenheit der Gebarenden als Maßstab für das Betreuungsangebot nehmen, dann muss der HKS Teil des geburtshilflichen Angebots sein. Das bedeutet keinesfalls, dass er die einzige Alternative zum konventionellen geburtshilflichen Standard sein sollte. Wirkliche Wahlfreiheit wäre ein Hausgeburtssetting oder eine autonome Hebammenstation im klinischen Setting. Aber: Der Hebammenkreißsaal ist ein guter Anfang auf dem Weg zu mehr Wahlfreiheit in der klinischen Geburtshilfe.

Überleitungsrate versus Zufriedenheit der Frauen

Die hohe Verlegungs- und Überleitungsrate aus dem HKS wird häufig als Gegenargument für das Konzept angeführt. Auch in Großbritannien ist die Verlegungsrate aus hebammengeleiteten Geburtsabteilungen hoch, dort wird das Angebot dadurch allerdings nicht infrage gestellt. In Deutschland wird die hohe Überleitungsrate eher negativ bewertet, internationalwird sie positiv mit einer sicheren Geburtshilfe und hoher Qualität assoziiert. In Befragungen geben Frauen eine hohe Zufriedenheit mit dem Konzept an, unabhängig davon, ob eine Überleitung erfolgte oder die Geburt im HKS stattfand. In Großbritannien ist die Anzahl der Geburten in hebammengeleiteten Abteilungen deutlich angestiegen: 2010 waren es 5 Prozent und 2019 schon 15 Prozent aller Geburten. Auch hier liegt die Überleitungsrate bei etwa 30 Prozent, allerdings sind die entscheidenden Kriterien die Zufriedenheit der Frauen und die garantierte Wahlfreiheit zwischen verschiedenen geburtshilflichen Angeboten.

Voraussetzungen für die Einrichtung eines HKS

Die Implementierung von hebammengeleiteter Geburtshilfe braucht Zeit, Personal, Überzeugung und den ausdrücklichen Willen aller Akteurinnen*, zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen. Die Einführung eines HKS funktioniert dann, wenn alle Berufsgruppen die Idee annehmen und alle ihre Bedenken und Einwande dazu gehört werden. Das gilt sowohl für Ärztinnen* als auch für die Geschäftsführung und für die Hebammen.

Unterstutzung durch den DHV

Das Interesse am HKS ist sehr groß, das zeigen uns die Teilnehmerinnen*zahlen unserer Informationsveranstaltungen ≫HKS – wie geht das?≪. Das Angebot ist regelmäßig ausgebucht – das freut uns sehr. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die praktische Umsetzung Unterstützung braucht. Der DHV hilft bei der Umsetzung des HKS durch Vermittlung und Beratung von Expertinnen, die im Konzept HKS und seiner Umsetzung zu Hause sind. Die erfahrenen Hebammen beraten interessierte Kolleginnen* aus Kreißsälen in jeder Phase des Projekts und erleichtern so die Umsetzung. Außerdem stellen wir auf unserer Website einen Projektplan und die Anleitung für einen Kriterienkatalog zur Verfügung.

HKS als Wettbewerbsvorteil

Hebammen arbeiten gern im Konzept HKS und sind dort als Arbeitnehmerin* im klinischen Setting sehr zufrieden. Diese Tatsache ist für die Klinik als Arbeitgeberin* ein interessanter Aspekt und wichtiges Instrument zur Personalgewinnung und -bindung. Die Selbstwirksamkeit in der Arbeit ist hoch – die Hebammentätigkeit kann in ihrer ganzen Vielfalt ausgeübt werden. Diese Faktoren spielen für die Arbeitszufriedenheit und damit auch für die Attraktivität des Arbeitsplatzes eine große Rolle und sind für Arbeitgeberinnen* eine Möglichkeit, Hebammen auf dem hart umkämpften Markt an sich zu binden.

Hebammengeleitete Geburtshilfe als eigenständige Abteilung

In der europäischen Diskussion mit Kolleginnen* und auch im Austausch mit dem europäischen Netzwerk AIMS (Association for Improvements in the Maternity Services) wird häufig die Frage gestellt, warum es in Deutschland keine autonomen HKS vergleichbar der Alongside Midwifery Units (AMU) innerhalb geburtshilflicher Abteilungen gibt. Meiner Meinung nach liegt die Antwort in der Geschichte der Berufsgruppen. Deutschland zeichnet sich – anders als andere Länder – durch ein ärztlich dominiertes und stark hierarchisches Gesundheitssystem aus. Professionalisierung und Akademisierung sind im medizinischen und pflegerischen Bereich, außer bei den Arztinnen*, in jeder anderen Profession erst in der Entwicklung. Die Ärztin* als Hochschulabsolventin* ist seit Jahrhunderten erlebte Realität. Die akademische Emanzipation anderer medizinischer Fachberufe oder der Gesundheits- und Krankenpflege hat aber erst vor wenigen Jahren begonnen. Daher ist es im deutschen System schwierig, autonome hebammengeleitete Geburtshilfe im klinischen Setting unterzubringen. Obwohl die vorhandenen Evidenzen aus hebammengeleiteten Abteilungen und Hebammenkreißsälen klar dafürsprechen, spricht die arztinnen*geleitete etablierte Geschichte und unsere klinische Tradition dagegen. Wir werden weiterhin Pionierinnen* brauchen, die anfangen, andere klinische Strukturen zu etablieren. Der Impuls muss hier sowohl von den Arztinnen* und Hebammen als auch von den Eltern kommen.

Fazit

Der HKS ist ein wichtiges Modell, um die professionelle Identität und Autonomie von Hebammen innerhalb des klinischen Settings weiterzuentwickeln. Hebammengeleitete Konzepte sind insgesamt geeignet, die klinische Geburtshilfe für Hebammen attraktiver zu gestalten; sie tragen zu einer hohen Qualität und Sicherheit im Kreißsaal bei. Für die Gebärenden ist die hebammengeleitete Geburtshilfe ein wichtiges Angebot in Ergänzung zur üblichen klinischen Versorgung; sie erfüllt deren Erwartungen an eine intensive Geburtsbegleitung und eine interventionsarme Geburt.

Lesen Sie zu dem Thema auch den ersten Teil des Beitrags hier und hören Sie unsere weiteren Podcast Folgen,  jeweils im Gespräch mit Andrea Ramsell, Beirätin für den Angestelltenbereich:

Podcast mit Prof. Dr. Gembruch

Prof. Dr. Gembruch ist seit fast 20 Jahren Direktor der Geburtshilfe und der Pränatalmedizin an der Uniklinik in Bonn sowie Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Im Gespräch beschreibt er den arbeitsintensiven, aber lohnenden Transformationsprozess zum Hebammenkreißsaal, den er an der Uniklinik Bonn mitgegangen ist und erläutert, warum aus seiner Sicht interdisziplinäre Ausarbeitung und Umsetzung des Konzepts zum Hebammenkreißsaals so wichtig ist.

Podcast mit Doris Knorr

Doris Knorr leitet seit 15 Jahren den Kreißsaal in Herdecke, der seit 2011 Hebammenkreißsaal ist. Sie berichtet, mit welchen Argumenten die Einführung des Modells damals bewilligt wurde und von welchen Vorteilen und Synergien der Standort bis heute profitiert.

 

Quelle

1 Merz WM et al.: GEscHIcK-Studie NRW. Bestandsaufnahme der Hebammenkreißsäle in Nordrhein-Westfalen und Annäherung an ein ‚Best Practice‘-Modell hebammengeleiteter Kreissaal. Bonn 2019, aktualisiert August 2020; (Zugriff 5.12.21)

 

Zuletzt geändert am 02.11.2021